Leseprobe:
Das Phänomen
NASCAR
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Pete Fink
PETE FINK • 4
Vorwort
GÜNTHER STEINER
(ehemals NASCAR-Teamchef von Team Red Bull)
Für einen motorsportinteressierten Amerikaner ist die
NASCAR der Alltag. Für uns Europäer nicht. Für uns ist diese
Institution nur schwer zu begreifen. Was steckt hinter dieser
Serie, die in der amerikanischen Kultur kaum mehr wegzudenken
ist? Eine gute Frage. Ich gebe es aus eigener Erfahrung gerne
zu: Auch ich brauchte damals einige Zeit, um diese Art von
Motorsport zu durchblicken, obwohl ich als Teamchef von Red
Bull sehr aktiv in der NASCAR eingebunden war.
Wenn du in Charlotte lebst, dann dreht sich alles um die
NASCAR. Mich hat es damals, Ende 2006, Anfang 2007, aber
auch interessiert, was außerhalb der USA über den Sport geschrieben
wurde. Also habe ich die verschiedenen Webseiten
durchforstet und der einzige, der dabei heraus stach, war ein gewisser
Pete Fink. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht einmal,
ob er Deutscher oder vielleicht sogar Amerikaner war, denn
vom Vornamen Pete konnte man nicht sofort auf die Nationalität schließen.
Nach unseren ersten Telefonaten und Fachsimpeleien hat
sich diese Frage aber schnell geklärt. Ich wollte diesen "Vogel"
nun unbedingt persönlich kennen lernen und so habe ich ihn zu
einem Rennen einladen lassen. Aus diesem direkten Kontakt
hat sich zunächst ein gegenseitiger Respekt, und später dann
eine Freundschaft entwickelt, die bis heute andauert.
Wann immer es zeitlich möglich ist, treffen wir uns bei
einem meiner Heimatbesuche. Anfang des Jahres erzählte mir
Pete bei unserem üblichen Kaffee auf dem Münchner Flughafen,
dass er gerade ein deutsches NASCAR-Buch schreibt. Da
wurde mir erst so richtig bewusst, dass es nach langer Zeit
wieder das erste deutschsprachige Buch über das Phänomen
NASCAR sein wird und Pete quasi damit zu einem Pionier
wird. Das freut mich sehr, denn er hat das Wissen und das
Talent, die NASCAR den Menschen im deutschsprachigen
Raum näher zu bringen.
In Europa wird die NASCAR immer noch unterschätzt.
Aus Sicht der Fahrer und Teams ist es ein knallharter Job. Aus
Sicht der Fans bietet NASCAR Unterhaltung pur. Drei Tage
lang Party, jede Menge Action und natürlich eine riesige
Identifikation mit dem bevorzugten Fahrer. Die Faszination für
diese Art von Veranstaltung füllt in den USA Rennstrecken mit
Zuschauern aus jeder Altersgruppe und sozialer Schicht.
NASCAR ist ganz bestimmt anders als jede andere Art von
Motorsport. Nicht schlechter, nicht besser, ganz einfach anders und
deswegen finde ich den Titel "Das Phänomen NASCAR" sehr gut gewählt.
Ich bin mir ganz sicher, dass dieses Buch jedem neuen
NASCAR-Fan, aber auch jedem alten NASCAR-Hasen sehr viel
Freude bereiten wird!
Günther Steiner
April 2012
PETE FINK • 6
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
01: "Circus Maximus" oder: Das Kolosseum der NASCAR 7
02: Moonshine, Bootlegger und der "Last American Hero" 25
03: Daytona, die Familie France und die Petty-Dynastie 39
04: "Win on Sunday, sell on Monday" 62
05: Der Krieg der Werke 79
06: Petty gegen Pearson 98
07: Die "Modern Era" beginnt 113
08: Dale Earnhardt: "Working Class Hero" 137
09: Die nächste Generation 155
10: Die Popularität steigt weiter 176
11: Jeff Gordon: Das Wunderkind aus Kalifornien 195
12: Goldene Jahre und ein rundes Jubiläum 212
13: "Smoke", "Junior" und ein Comeback 234
14: "We lost Dale Earnhardt" 253
15: Der Chase: Plötzlich gibt es Playoffs 272
16: Die Ära Jimmie Johnson beginnt 297
17: Das Car of Tomorrow 311
18: Die "Open-Wheel-Gang" 333
19: Johnson schreibt Geschichte 359
20: Der Multi-Milliarden-Gigant 383
Schlussworte
7 • DAS PHÄNOMEN NASCAR
Kapitel 1
"CIRCUS MAXIMUS" ODER
DAS KOLOSSEUM DER NASCAR
"Green, Green, Green!" 160.000 Menschen um mich
herum rasten komplett aus. Rund 38.000 PS werden direkt auf
meine Gehörgänge losgelassen. Der unvergleichliche Sound von
43 tief brüllenden V8-Motoren bohrt sich tief in meine Eingeweide.
Mein ganzer Körper vibriert im Inferno dieser 850-PSMonster,
die gerade an mir vorbeifliegen und in die erste Kurve
einbiegen. Keiner sitzt mehr. Alle stehen und schreien sich die
Seele aus dem Leib. Die gesamte Arena erzittert in ihren Grundfesten.
Die scheinbar bis in den Himmel ragenden Tribünen
sind so steil, dass diese infernalische Geräuschkulisse nirgendwohin
entweichen kann. Ein Hexenkessel. Eine wahre Gänsehautorgie
aus menschlichen Emotionen und technologischer
Kraft. Es ist ein Motorsport-Schauspiel über mehr als vier
Stunden. Jeder einzelne der 43 High-Speed-Junkies ballert alle
15 Sekunden dicht an mir vorbei. Eine Fahrbahn mit nur 800
Metern Länge, zwei kurze Geraden, dazu zwei mächtige
Steilkurven mit 30 Grad Überhöhung. Überschaubar in jeden
noch so kleinen Winkel. Intensiver geht es nicht. Der pure Wahnsinn.
Vor wenigen Augenblicken hat das Sharpie 500 begonnen
und ich bin mittendrin in diesem Circus Maximus. Wir
schreiben den August 2007 und ich denke mir heimlich, still und
leise: Herzlich Willkommen im Kolosseum der NASCAR!
Welcome to Bristol Motor Speedway!
Es ist ein absolutes Phänomen. Über 50 Rennen in Folge
oder ein Vierteljahrhundert war der Bristol Motor Speedway
zweimal pro Saison ausverkauft und die Warteliste für normale
Bristol-Tickets war ellenlang. Die Eintrittskarten werden ganz
einfach von einer Generation an die nächste weitervererbt.
Ohne Hilfe geht in Bristol für Außenstehende gar nichts und
genau diese Hilfe kam in meinem Fall von Red-Bull-Teamchef
Günther Steiner. Ich fühle mich wie nach einem Sechser im Lotto.
In aller Bescheidenheit: Ich glaube, ich habe in meinem
Motorsportleben schon viel gesehen. Ich habe das verrückte
Schumi-Zeitalter in Hockenheim und auf dem Nürburgring erlebt,
ich habe die Gerhard-Berger-Mania im alten Zeltweg mitgemacht.
Ich war zigmal im königlichen Parco von Monza bei
den italienischen Tifosi und ich kenne die Gegend rund um
Silverstone wie meine Westentasche. Hungaroring, Imola, den
Norisring und, und, und. "Das kannst du alles vergessen", sagte
Steiner irgendwann zu mir. "Komm mal nach Bristol und du
wirst die verrückteste Motorsport-Party überhaupt erleben."
Wie so viele andere auch, hat mich das NASCAR-Fieber
irgendwann in den 1990er Jahren gepackt. Damals gab es noch
kein Internet, unsere mittlerweile so klein gewordene Welt war
noch richtig groß. Die amerikanischen Südstaaten waren weit
weg, die Formel 1 hattest du hingegen direkt vor deiner europäischen
Nase. Und so wuchsen wir alle mit Niki Lauda und Co. auf.
Plötzlich brachte Eurosport Orte wie Daytona und Talladega
auf unsere Bildschirme. Plötzlich sahen wir haarsträubende
Rad-an-Rad-Duelle, die zumindest ich bislang in dieser Form
nicht gekannt hatte. Dale Earnhardt in der schwarzen 3, Mark
Martin in der 6, Bobby Labonte in der grünen 18. Was für ein
Wahnsinn! Später habe ich meine USA-Trips dann so geplant,
dass ich auf dem Weg nach Key West "zufällig" in Homestead
vorbeikam, oder in Las Vegas beim obligatorischen Wüstentrip
"zufällig" am Las Vegas Motor Speedway vorbeischauen konnte.
Der Badeurlaub in Florida fand nicht in Miami Beach, sondern
natürlich in Daytona statt, weil es dort ja "viel schöner" ist. Aber
in Bristol, in der tiefen Pampa genau an der Grenze zwischen
Virginia und Tennessee, war ich noch nie.
***
Die Anreise ist denkbar simpel. Nach einem Nonstop-Flug
München-Charlotte in einem angenehm klimatisierten Flieger
trete ich aus dem Douglas International Airport hinaus ins
Freie und erlebe die August-Hitze des amerikanischen Südens.
Die Sonne brennt aggressiv, schwül und gnadenlos.
Schätzungen besagen, dass um Charlotte herum etwa 70
Prozent aller Leute arbeiten, die ihr Geld im US-amerikanischen
Motorsport verdienen. Alle in der NASCAR. Diese
Gegend atmet also lupenreines V8-Benzin. Für mich ist die Millionenmetropole
in North Carolina aber nur eine Durchgangsstation.
Ich will ein paar hundert Kilometer weiter nördlich
in die sanften Hügel der Appalachen. Genau dort liegt der
Bristol Motor Speedway oder wie er ganz inoffiziell heißt: das
Kolosseum der NASCAR.
Es sind ungefähr 200 Meilen Fahrt. Wald, Bäume und Landschaft
soweit das Auge reicht. Ich bin Gast von Team Red Bull.
Ein Europäer in der amerikanischsten aller amerikanischen Motorsportarten.
Ein Exot, der von den meisten Teammitgliedern
neugierig, aber immer höflich und zuvorkommend beäugt wird.
Wir fahren mit einem Van. Im Bus wird eifrig diskutiert, ob
die Szenerie nun eher Ähnlichkeit mit europäischen Gegenden
in Frankreich oder der Schweiz habe. Banausen, denke ich. Hier
sieht es genau so aus wie im Schwarzwald oder im Allgäu. Nur
halt viel größer. Sehr viel größer. Und obwohl wir durch schattige
Wälder tuckeln, hat es um 18 Uhr abends immer noch 38
Grad Celsius. Im Schatten.
Es geht entlang des US-Highways 321. Das ist hochheiliger
NASCAR-Boden. Es ist eine der früheren Hauptschmuggelrouten,
auf der die Schwarzbrenner im Hinterland der Appalachen
ein Jahrhundert lang ihren "Moonshine" in die Metropolen
des Südens transportierten. Junior Johnson, der größte
"Bootlegger" aller Zeiten, winkt dir auf überdimensionalen
Werbeplakaten entgegen. Hier atmest du heiße NASCAR
Tradition pur.
Man braucht wirklich nicht besonders viel Fantasie, um in
jedem zweiten der vielen versprengten Einödhöfe immer noch
einen illegal vor sich hin dampfenden Whiskeykessel zu
vermuten. Gibt es ihn tatsächlich noch, den selbstgebrannten
Moonshine, den man nur heimlich zuhause trinken darf? Gibt
es ihn noch, den Bootlegger in seiner selbst aufgemotzten Kiste,
der den Moonshine von den Bergen in die Metropolen des Südens
schmuggelt? NASCAR-Pilgerer, fährst du von Charlotte
nach Bristol, dann holt dich dieser Glaube wieder ein!
***
Viele Kilometer vor dem Speedway tauchen plötzlich riesige
Hinweisschilder auf: "Welcome Race Fans" steht an jeder Tankstelle,
jedem Hotel, jedem Motel. Sogar vor vielen der kleinen
Kapellen aus Holz. Die Dörfer der Gegend bestehen aus
ungefähr zehn Holzhäusern, mindestens zwei Kirchen und einem
Tante-Emma-Laden. Ist die Gesamtzahl der Häuser größer
als Zehn, so befindet sich am Rande der Siedlung eine kleine
Shopping Mall. Soviel Luxus muss auch hier sein.
New York hin, Los Angeles her - dies hier ist das Amerika,
das ein Europäer nur ganz selten zu Gesicht bekommt. Warum
sollte er auch? Hier gibt es keine Sehenswürdigkeiten. Außer du
bist ein NASCAR-Junkie. Aber dann steht dir eine der größten
Attraktionen überhaupt unmittelbar bevor.
Auf den letzten Kilometern der Reise glaube ich, die tief
brüllenden V8-Motoren bereits zu erahnen. Was natürlich
kompletter Nonsens ist. Laut Navigationsgerät sind es noch
zehn Meilen, aber die Farmer haben alle ihre Wiesen bereits
kurz geschoren. Überall gibt es Parkplätze, die NASCARCamper
haben es sich bereits gemütlich gemacht. "Am Samstag
ist hier alles brechend voll", murmelt mein Red-Bull-Sitznachbar.
Insgesamt werden am Wochenende über 200.000 Menschen
erwartet. Der Bristol Motor Speedway hat ein Fassungsvermögen
von mehr als 160.000 Sitzplätzen. Diese Plätze werden
am Samstagabend zum Sharpie 500 restlos ausverkauft sein.
Aber am Freitagabend fährt bereits die zweite Liga der
NASCAR, die Nationwide-Serie. Und auch dort erwarten die
Veranstalter weit über 100.000 Zuschauer. Viele, so wird mir
versichert, haben für den Samstag keine Tickets mehr bekommen.
Sie bleiben dennoch vor Ort, um die prickelnde
Atmosphäre in vollen Zügen einzusaugen. Das Sprint-Cup-Rennen
selbst wird dann im Camper geschaut. Satelliten-Fernsehen
macht es möglich.
Während wir dem Speedway jetzt immer näher kommen,
fällt mir auf, dass von den 200.000 erwarteten Besuchern - grob
geschätzt - die Hälfte bereits da ist. Am Donnerstag! Fast alle in
ihren überdimensionalen Motorhomes. Kein Wunder, denn die
Hotels und Motels sind im Umkreis von 50 Meilen seit einem
halben Jahr restlos ausgebucht.
Als wir etwa einen Kilometer entfernt sind, kann ich den
Bristol Motor Speedway dann endlich in Natura sehen. Unglaublich!
Nach 200 Meilen Pampa erhebt er sich majestätisch
aus den sanften Hügeln Tennessees. Und mit einem Schlag wird
mir klar, warum die Amerikaner Bristol als das Kolosseum der
NASCAR empfinden: Ein solch dimensioniertes Bauwerk würde
man nur in den großen Metropolen erwarten.
Vielleicht ein Vergleich: Nach 200 Meilen Natur pur fühlt
es sich etwa so an, als würde die Münchner Allianz Arena im
tiefsten Bayrischen Wald stehen. Nur halt doppelt so groß. Ach
was. Mehr als das. Das NASCAR-Kolosseum von Bristol hat
mehr als das doppelte Fassungsvermögen jedes deutschen
Fußballstadions!
***
So kann man sich unschwer vorstellen, was in dem zum
Short-Track-Mekka der NASCAR umfunktionierten Städtchen
los ist. Zweimal im Jahr fällt eine Horde verrückter Stock-Car-
Fans ein, gegen die Hockenheim selbst zu besten Michael-
Schumacher-Zeiten ein geselliger Kegelausflug des Vereins
christlicher junger Männer war.
Der Speedway befindet sich etwa fünf Meilen außerhalb der
Stadt, weshalb wir nach der Akkreditierung einen kleinen Abstecher
nach Bristol selbst unternehmen. Das verschlafene Nest
liegt direkt an der Staatsgrenze von Tennessee und Virginia. Die
verläuft mitten durch das Städtchen. Keiner weiß mehr so
genau, warum das so ist, oder will es ohne Bezahlung verraten.
Auf alle Fälle wollen alle im Virginia-Teil wohnen. Dort sind
die Steuern um zwei Prozent niedriger als in Tennessee.
Natürlich ist die Einkaufsmeile von Bristol komplett
gesperrt und gespickt mit Showcars aller Teams, aller Hersteller,
aller NASCAR-Serien. Anfassen, hineinsetzen und sich
fotografieren lassen, das ist fast überall erlaubt. Und in den
zahlreichen klimatisierten Karaoke-Bars laufen seit dem frühen
Nachmittag Hillbilly-Countrynummern mit Titeln wie "My
Tractor Is Sexy". NASCAR ist eben bodenständig. Sehr bodenständig.
Und heiß. Fahrer, Mechaniker, Ingenieure, Fans,
Streckenposten, Journalisten - Bristol leidet unter der Glutsonne
des amerikanischen Südens. Das so beeindruckende Kolosseum
der NASCAR in den sanften Hügeln von Tennessee schwitzt.
Zweimal pro Saison wird in Bristol gefahren. Im Frühjahr an
einem Sonntagnachmittag, im Sommer jedoch an einem
Samstagabend. Der Grund ist mir nun sonnenklar: 500 Runden
oder vier Rennstunden in der prallen Hitze eines Augustnachmittags
wären für die Fahrer eine unmenschliche Tortour.
Für die Mechaniker im Infield und die Zuschauer auf den nicht
überdachten Tribünen wäre es ganz einfach lebensgefährlich.
Sonnenstich und Kreislaufkollaps lassen grüßen. So ist es kein
Wunder, dass der Stadionsprecher das ganze Wochenende über
ein volles Programm hat. Er ermahnt die bereits anwesenden
Fans fast alle fünf Minuten, sich im Schatten aufzuhalten und -
bitte, bitte - genug zu trinken. "Stay hydrated" schallt es monoton
aber regelmäßig aus den Lautsprechern.
Trotzdem, oder gerade deswegen, ist das Augustrennen von
Bristol ein absolutes Schmankerl. Dafür gibt es viele Gründe.
Vor allem ist es eines der so unglaublich beliebten und lukrativen
Samstagabendevents der NASCAR. Mit einer Startzeit
von 19 Uhr Ortszeit läuft das Sharpie 500 an der Ostküste
während der Prime Time. Das garantiert hohe Einschaltquoten
und sündteure Werbeblöcke. Nicht nur in NASCAR-USA extrem wichtig.
Dazu stellen die Short Tracks ganz einfach die Wurzeln des
Stock-Car-Sports dar und Bristol ist das große Mekka dieser
NASCAR-Pilgerer. Trotz Daytona, trotz Indianapolis. Man
muss es sich nur einmal auf der Zunge zergehen lassen: Die
Fahrbahn in Bristol misst gerade einmal 800 Meter, sie hat zwei
gewaltige, 30 Grad steile Kurven und genau deswegen sind die
Geschwindigkeiten erstaunlich hoch. Und über allem stehen
riesige Tribünen, die bis in den Himmel zu ragen scheinen!
Dazu natürlich die klassischen NASCAR-Zutaten: 43 Autos,
die 500 Runden lang auf diesen nur 800 Metern um den
Sieg kämpfen. Der tief brüllende Sound der 850 PS starken V8-
Triebwerke kann wegen der steilen Zuschauerränge nirgendwohin
flüchten. Dazu das Geschrei von 160.000 fanatischen
NASCAR-Fans, die jede Ecke der Strecke einsehen können.
Und dieser ganze Cocktail zusammengepresst auf engstem
Raum. "Gentlemen, start your engines!" Bristol explodiert. Beim
Start erzittern die mächtigen Stahltribünen bis ins innerste
Mark. Nicht nur für die Puristen stellen die beiden NASCARShows
von Bristol zwei Pflichttermine dar. Das absolute
Highlight des Jahres ist das Sommerrennen an einem heißen
Samstagabend im August. Und ich werde mitten drin sein.
***
Ich bin sehr überrascht, wie klein das Infield von Bristol ist,
in dem sich die Teams samt ihrem kompletten Material, die
Offiziellen, die Sicherheitsleute und die versammelten Medien
aufhalten. Nicht einmal alle 43 Teamtrucks der qualifizierten
Sprint-Cup-Mannschaften passen in dieses Mini-Infield. Einige
der Hinterbänkler müssen deswegen ihr Lager außerhalb des
Areals aufschlagen. In der Arena selbst ist nur Platz für das Allernötigste.
Wenn man mitten im Infield steht, dann fallen einem in
Bristol sofort die beiden mächtigen Steilkurven auf. Steil ist in
diesem Fall auch die passende Bezeichnung. Denn aufgrund der
ganzen Teamtrucks links und rechts kann man das Geschehen
auf den beiden kurzen Geraden gar nicht genau verfolgen. Die Sicht ist versperrt.
Nicht so in den Kurven. Wie aus dem Nichts heraus tauchen
die Autos am Ende der Geraden auf und fahren nach oben in
die Kurve hinein. Wie Steilwandfahrer auf dem Münchner Oktoberfest
scheinen die eineinhalb Tonnen schweren V8-Boliden
auf der bis zu 30 Grad steilen Bahn zu kleben. Obwohl im offiziellen
NASCAR-Jargon von den Kurven eins bis vier geredet
wird, drehen sie im Prinzip jeweils eine große 180-Grad-Kurve
und verschwinden auf den Geraden wieder hinter den Trucks.
Das Ganze in einem Affenzahn, denn durch dieses extreme Banking
wird kaum gebremst. Die Piloten schaffen auf diesen rund
800 Metern Durchschnittsgeschwindigkeiten von bis zu 120
Meilen pro Stunde! Also etwa 190 Stundenkilometer! Die Zentrifugalkraft verrichtet ganze Arbeit.
Der Zeitplan des Wochenendes ist zackig gestaltet. Es gibt
am Freitag ein einziges Freies Training vor der Qualifikation. 48
Autos wollen einen Startplatz im 43 Mann starken Feld ergattern.
Die besten 35 Autos, also die Top 35 der Ownerwertung,
sind für das Rennen sicher qualifiziert. Für den Rest
ist die Anspannung mörderisch. Fünf Teams werden schon am
Freitag wieder nach Hause fahren müssen.
Bei meinem Gastgeber Red Bull ist die Lockerheit der
vergangenen Tage gewichen. Das Team ist erst seit einigen Monaten
in der NASCAR dabei und keines ihrer beiden Autos
steht unter den ominösen Top 35. Beide Stammpiloten, Brian
Vickers und A.J. Allmendinger, müssen also durch die Qualifikationsmühle.
Das Prozedere ist gnadenlos: Es ist ein Einzelzeitfahren,
in dem jeder Fahrer genau zwei fliegende Runden
drehen darf. Doch in Wirklichkeit ist es noch weniger. "Hier
geht es nur um die erste Runde, denn danach bauen schon die
Reifen ab", lautet die Auskunft von Red-Bull-Rennchef Elton
Sawyer. Nach nur 800 Einsatzmetern haben die Einheitsreifen
von Goodyear bereits soviel an Grip verloren, dass die zweite
Runde von Bristol immer die langsamere ist. Es sei denn, man
begeht in seinem ersten Versuch einen Fahrfehler. Aber dann ist
die Suppe in dieser grausamen Schlacht um Tausendstelsekunden
natürlich bereits gegessen.
Entscheidend ist das Freie Training zu Beginn. Das Auto
muss von der heimischen Fabrik aus so gut vorbereitet an die
Strecke gehen, dass vor Ort nur noch Feinjustierungen
stattfinden. "We unloaded very well", sollte der Kommentar lauten,
den die Piloten nachher in die Mikrofone der TV-Anstalten
sprechen. Frei übersetzt: Das Auto wurde aus dem Truck
hinausgerollt und alles hat sofort bestens funktioniert. Für
größere Setup-Experimente bleibt keine Zeit. Team Red Bull
muss also sofort auf den nötigen Speed kommen. Aber es sieht nicht gut aus.
Trotz seiner erst 23 Jahre ist Vickers der Erfahrenere der
beiden Piloten. Er ist in North Carolina geboren und hat sich in
der NASCAR hochgedient. Von ihm und seiner Startnummer
83 erwartet Red Bull die schnelleren Zeiten. Doch das Gegenteil
ist der Fall. NASCAR-Neuling Allmendinger, ein Kalifornier
mit IndyCar-Wurzeln, erzielt aus dem Stand heraus die
besseren Rundenzeiten. Aber auch seine Rückmeldungen über
das Fahrverhalten seines Toyota Camrys mit der Startnummer 84 sind nicht positiv.
Plötzlich wird es hektisch. Das Training läuft, aber das
Team entscheidet sich dazu, bei Vickers vorne rechts ein Aufhängungsteil
zu tauschen. In der glühenden Mittagshitze platzt
den Mechanikern beinahe der Schädel. Einen echten Sonnenschutz
gibt es nicht. Nur ein kleiner Paravan spendet wirkungslosen
Schatten, während keine fünf Meter weiter die
Meute um den Kurs jagt. Es ist so laut, dass die gesamte Kommunikation
via Funk beziehungsweise Handzeichen erfolgen muss.
Kurz vor dem Trainingsende kann Vickers noch einmal für
einen kurzen Run auf die Strecke fahren, doch der Effekt fällt
geringer aus als erhofft: Die Zeiten bleiben mager und die Qualifikation
für das Red-Bull-Vorzeigeauto mit der 83 wird auf der
Kippe stehen. Auch im Allmendinger-Team, das am anderen
Ende des Infields arbeitet, herrscht Unsicherheit. Deren Zeiten
sind zwar nach wie vor einen Hauch besser als die des Vickers-
Teams, aber der Kalifornier ist eben noch ein echter NASCARRookie.
Abgesehen von einem Gastauftritt in der Truck-Serie am
Mittwochabend ist es Allmendingers erster Kontakt mit dem
Short-Track-Monster von Bristol. Im Truck-Rennen konnte er
wenigstens ein paar Runden drehen, aber von der so wichtigen
Streckenerfahrung, der berühmt-berüchtigten "seat-time", will
bei Red Bull deswegen niemand sprechen.
Zwischen dem Ende des Freien Trainings und dem Beginn
der Qualifikation sind es keine zwei Stunden Pause. Die
Reihenfolge des nun folgenden Einzelzeitfahrens wurde am
Morgen ausgelost. Die beiden blauen Red-Bull-Toyota fahren
ziemlich in der Mitte des Feldes. Das ist weder positiv noch
negativ, kann die Unsicherheit im Team aber nicht abmildern.